{"id":886,"date":"2015-11-02T10:45:42","date_gmt":"2015-11-02T10:45:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.eaid-berlin.de\/?p=856"},"modified":"2015-11-02T10:45:42","modified_gmt":"2015-11-02T10:45:42","slug":"der-traum-vom-autonomen-und-vernetzten-fahren-segen-oder-fluch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kai-wittenburg.de\/?p=886","title":{"rendered":"Der Traum vom autonomen und vernetzten Fahren \u2013 Segen oder Fluch?"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">Die Automobilindustrie gilt hierzulande als Innovationstr\u00e4ger, und das nicht umsonst: Schlie\u00dflich steht kaum ein Industriezweig so sehr im Rampenlicht wie die Autohersteller \u2013 mit der Einf\u00fchrung eines jeden Modells werden bahnbrechende technische Neuerungen erwartet, die das Autofahren nicht nur sicherer und schneller, sondern mittlerweile vor allem auch umweltfreundlicher und komfortabler machen sollen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">Gerade der letztgenannte Aspekt betrifft zwei Innovationen, welche in der Automobilbranche schon seit Jahrzehnten diskutiert werden: Zum einen das autonome Fahren, zum anderen das vernetzte Automobil. Autonomes Fahren bedeutet im Gro\u00dfen und Ganzen, dass sich das Fahrzeug im flie\u00dfenden Stra\u00dfenverkehr komplett selbstst\u00e4ndig fortbewegt, ohne dass der Fahrer irgendetwas dazutun m\u00fcsste: Es wird automatisch beschleunigt und gebremst, Verkehrshindernisse werden erkannt und der Navigationscomputer \u00fcbernimmt die Zielf\u00fchrung. Der fr\u00fchere Fahrer und nunmehr allein Fahrgast muss lediglich wissen, welches Ziel er mit seinem Fahrzeug erreichen m\u00f6chte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">W\u00e4hrend die ersten Ideen vom \u201eautonomen\u201c Fahren in den Vereinigten Staaten bereits in den 1940er Jahren wurzelten, als man sich noch in einer Reihe mit raketengetriebenen Fahrzeugen abenteuerliche Konzepte von Highways vorstellte, auf denen die Wagen in eine in der Fahrbahn eingelassene F\u00fchrungsschiene eingekoppelt werden sollten, um dann \u00fcber Hunderte von Kilometern bis zur gew\u00fcnschten Ausfahrt gezogen zu werden, ist man technisch mittlerweile in der Lage, das Fahrzeug tats\u00e4chlich von sich aus autonom fahren zu lassen. Erm\u00f6glicht wird dies beispielsweise durch zahlreiche Ultraschall- und Lasersensoren, die \u00fcber den Bordcomputer gesteuert den Pkw in eine Art von \u201eSensorblase\u201c einbinden. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">So f\u00fchrt der Hersteller \u201eAudi\u201c bereits Autobahnerprobungen des autonomen Fahrens mit Serienlimousinen des Typs \u201eA7\u201c durch. Es wird zurzeit davon ausgegangen, dass die entsprechenden Technologien bis zum Jahre 2017 so weit entwickelt sind, dass sie in den Verkauf eingebracht werden k\u00f6nnen. Wenn das autonome Fahren tats\u00e4chlich wie angek\u00fcndigt funktionieren sollte, w\u00e4re dies sicherlich ein automobiler Meilenstein, denn wer m\u00f6chte nicht gerne ein Auto haben, das ihn bei Bedarf komplett selbstt\u00e4tig f\u00e4hrt?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">Die bald schon gegenwartsreife Zukunftsvision w\u00e4re wohl (einige datenschutzrechtliche Aspekte der Datenverarbeitung unter Privaten einmal bewusst ausgeblendet) vollkommen, w\u00fcrde nicht die neue Technologie auch das Interesse der (Sicherheits)beh\u00f6rden auf sich lenken. Hierbei kann man sich eine Szene vorstellen, die schon manch einer in Hollywoodproduktionen der 1990er Jahre gesehen hat: Ein B\u00fcrger setzt sich in sein Fahrzeug und hat es augenscheinlich eilig, bet\u00e4tigt die Z\u00fcndung \u2013 und es passiert nichts. Woran das liegt? An einem beh\u00f6rdlichen Fernzugriff auf die Computersteuerung des Fahrzeugs, die eine Abschaltung des Z\u00fcndmechanismus zur Folge hat. Und sp\u00e4testens an dieser Stelle kommt nicht mehr nur allein das autonome Fahren, sondern vor allem auch das vernetzte Automobil ins Spiel: In den vergangenen Jahren wurde bereits oft \u00fcber die zunehmende Funktion des Autos als \u201erollendes Smartphone\u201c bzw. \u201emobiler Computer\u201c berichtet. W\u00e4hrend in den 1980er Jahren der Fahrtenrechner bzw. Bordcomputer als technologische Innovation herausgehoben wurde, hat es mit dem technologischen Fortschritt ebenso einen immensen Ausbau der Informations- und Kommunikationstechnik gegeben, die in die Fahrzeuge integriert wird. L\u00e4ngst sind Bordcomputer und Navigationsger\u00e4t \u00fcber den CAN-Bus miteinander vernetzt und mit enormer Leistungsf\u00e4higkeit ausgestattet zu einem kompletten fahrzeuginternen Multimediasystem avanciert, welches \u00fcber das Mobilfunknetz den jederzeitigen Zugriff auf das Internet erm\u00f6glicht. Und eben jener Zugriff vom Auto auf das Internet ist nicht nur rein einseitiger Natur, sondern in beide Richtungen hin m\u00f6glich. Im Fall des \u201eJeep Cherokee\u201c hat sich j\u00fcngst in den USA bereits gezeigt, dass der Einbruch in die Fahrzeug-EDV erhebliche Folgen nach sich ziehen kann, indem der Fernzugriff mangels hinreichender bordinterner Sicherheitsmechanismen nicht nur Aufschluss \u00fcber die genaue Fahrzeugposition gibt, sondern sogar die volle Steuerkontrolle erm\u00f6glicht (siehe dazu auch die aktuelle c\u2019t, Ausgabe vom 31.10.2015, S. 72 ff.; betroffen waren 1,4 Millionen Fahrzeuge). Der Begriff des Autos als \u201ekritischer Infrastruktur\u201c gewinnt hierdurch eine g\u00e4nzlich neue Bedeutung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">Die noch vor ein paar Jahren von Hollywood verkaufte sicherheitsbeh\u00f6rdliche Fernabschaltung des Fahrzeugs (so genannte \u201eZwangsstilllegung\u201c) ist folglich keine entfernte Zukunftsvision mehr, sondern liegt n\u00e4her, als manch einer glauben mag. So hat in den USA die RAND-Corporation j\u00fcngst einen <a href=\"http:\/\/www.rand.org\/content\/dam\/rand\/pubs\/research_reports\/RR900\/RR928\/RAND_RR928.pdf\">Bericht<\/a> herausgegeben, der zuk\u00fcnftige Internet-Technologien in den Bereichen Strafverfolgung und Justiz thematisiert. Unter anderem wird hier neben besagter Zwangsstilllegung im Falle des Verdachts von strafbaren Handlungen oder einer Fluchtgefahr auch die Frage behandelt, auf welche weitere Weise sich die Sicherheitsbeh\u00f6rden die Technologie des autonomen, vernetzten Fahrens zunutze machen k\u00f6nnen. Vorgeschlagen wird f\u00fcr das autonome Fahren beispielsweise, dass der computergesteuerte Pkw der Zukunft auch in der Lage sein soll, unmittelbar auf optische Anweisungen und Gesten von Polizeivollzugsbeamten zu reagieren, die den Verkehr regulieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">Vergleichsweise harmlos und auch noch sinnvoll mutet es an, wenn die Polizei dabei die M\u00f6glichkeit erhalten soll, ein falsch geparktes und f\u00fchrerloses Fahrzeug zwangszuversetzen, zum Beispiel, um einen Notweg zu schaffen oder den Weg zu einem ben\u00f6tigten Hydranten frei zu machen. Schwerwiegender sind hingegen solche Eingriffe, die unmittelbar auf den flie\u00dfenden Verkehr Einfluss nehmen. Das w\u00e4re dann der Fall, wenn \u2013 wie ebenfalls angedacht \u2013 die computergesteuerte Anweisungserkennung des Pkw dazu f\u00fchrt, dass dieser unmittelbar aus dem Verkehr gelenkt oder zum Halten gebracht werden kann. Hier stellen sich bereits zahlreiche Fragen, wie ein solches Verfahren der Einflussnahme technisch, rechtlich und organisatorisch ausgestaltet werden soll, um einen Missbrauch der Anweisungserkennung zu verhindern, der je nach Verkehrssituation erhebliche Personen- und Verm\u00f6genssch\u00e4den nach sich ziehen kann.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">Die letzte der im RAND-Report vorgesehenen M\u00f6glichkeiten des sicherheitsbeh\u00f6rdlichen Fernzugriffs auf die Fahrzeuginfrastruktur betrifft die Auswertung von gesammelten Fahrdaten. Angedacht wird hierbei, das Auto die Insassen sowie die zur\u00fcckgelegte Fahrstrecke gegen\u00fcber der Polizei ausweisen zu lassen. Hierdurch wird den Sicherheitsbeh\u00f6rden nicht mehr nur die Kontrolle \u00fcber die Fortbewegung an sich, sondern \u00fcber das gesamte damit im Zusammenhang stehende Verhalten erm\u00f6glicht. Obgleich dieser Ansatz bisher nur in den USA diskutiert wird, scheint es naheliegend, dass dieser Gedanke auch den europ\u00e4ischen Raum erreichen wird, denn schon des \u00d6fteren hat sich gezeigt, dass die Vereinigten Staaten in Sachen Sicherheitspolitik eine globale Vorreiterrolle einnehmen (neben weiteren Akteuren wie Gro\u00dfbritannien, Russland und China). <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">F\u00fcr eine Gesellschaft, die auf dem Individualverkehr basiert, w\u00e4re eine derartige massenhafte Auswertung von Fahrdaten fatal \u2013 und das nicht nur in Bezug auf die informationelle Selbstbestimmung, sondern auch auf die Allgemeine Handlungsfreiheit. Bereits jetzt stellt sich f\u00fcr Rechtsverh\u00e4ltnisse unter Privaten die Frage, wie mit fahrzeugbezogenen Individualdaten umgegangen werden darf, beispielsweise in Bezug auf die Gestaltung von Versicherungspolicen. Der entscheidende Unterschied zur staatlichen Datenverarbeitung ist aber immer noch darin zu sehen, dass der B\u00fcrger hier im Regelfall die M\u00f6glichkeit hat, sich der Datenverarbeitung durch Privatunternehmen zu entziehen. W\u00fcrden in ein bis zwei Jahrzehnten s\u00e4mtliche Fahrzeuge vernetzt und h\u00e4tten die Sicherheitsbeh\u00f6rden einen umfangreichen gesetzlichen Zugriff auf die entstehenden Insassen- und Fahrdaten, so w\u00e4re die Wiedereinf\u00fchrung der Vorratsdatenspeicherung hiergegen vergleichsweise harmlos. Auch die EAID hat sich bereits vor einigen Jahren mit der Thematik der in Kfz erfassten Daten einschlie\u00dflich der damit verbundenen \u00dcberwachungsm\u00f6glichkeiten auseinandergesetzt mit dem Ergebnis, dass die Fahrdatenauswertung im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung unserer Alltagsgegenst\u00e4nde (\u201eInternet of Things\u201c) nicht au\u00dfer Acht zu lassende Probleme f\u00fcr den Schutz der eigenen Daten aufwirft.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">Zentrale Vorgabe und Ziel muss es mithin sein, bereits jetzt darauf einzuwirken, dass es nicht zu einem derartigen Zustand der Massen\u00fcberwachung kommt. Hierzu geh\u00f6rt zwangsl\u00e4ufig auch, der \u00d6ffentlichkeit m\u00f6glichst fr\u00fchzeitig nicht nur die augenscheinlichen Vorteile des autonomen und vernetzten Fahrens zu pr\u00e4sentieren, sondern ihr ebenso die dahinterstehenden und teils noch versteckten Risiken, welche die informationelle Selbstbestimmung aller betroffenen B\u00fcrger tangieren, vor Augen zu f\u00fchren. Nur so l\u00e4sst sich verhindern, dass der jahrzehntelang gehegte Traum vom intelligenten Automobil nicht letztlich doch zu einem Alptraum f\u00fcr alle wird.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Automobilindustrie gilt hierzulande als Innovationstr&auml;ger, und das nicht umsonst: Schlie&szlig;lich steht kaum ein Industriezweig so sehr im Rampenlicht wie die Autohersteller &ndash; mit der Einf&uuml;hrung eines jeden Modells werden bahnbrechende technische Neuerungen erwartet, die das Autofahren nicht nur sicherer und schneller, sondern mittlerweile vor allem auch umweltfreundlicher und komfortabler<\/p>\n","protected":false},"author":32,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[819,5,221,820,821,822,6,3,7,4,12,17,15,16,14,8],"tags":[],"class_list":["post-886","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-autonomes-fahren","category-bsi","category-eaid-blog","category-fahrdatenauswertung","category-fernzugriff","category-internet-of-things","category-isms","category-isms-bsi-iso-27001","category-iso27001","category-notfallmanagement","category-penetrationstest","category-penetrationstests","category-risikomanagement","category-unternehmen","category-veranstaltungen","category-zertifizierung-audit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kai-wittenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/886","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kai-wittenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kai-wittenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kai-wittenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/32"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kai-wittenburg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=886"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.kai-wittenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/886\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":887,"href":"https:\/\/www.kai-wittenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/886\/revisions\/887"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kai-wittenburg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=886"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kai-wittenburg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=886"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kai-wittenburg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=886"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}