{"id":2483,"date":"2018-03-20T11:02:23","date_gmt":"2018-03-20T11:02:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.eaid-berlin.de\/?p=2021"},"modified":"2018-03-20T11:02:23","modified_gmt":"2018-03-20T11:02:23","slug":"der-skandal-hinter-dem-skandal-facebook-cambridge-analytica-und-die-hohe-kunst-der-manipulation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kai-wittenburg.de\/?p=2483","title":{"rendered":"Der Skandal hinter dem Skandal \u2013 Facebook, Cambridge Analytica und die hohe Kunst der Manipulation"},"content":{"rendered":"<p>Medien und Politiker sprechen von einem \u201eDaten-Skandal\u201c und verlangen Antworten von Facebook und von Cambridge Analytica. Soweit bisher bekannt, hat die vom Trump-Vertrauten Stephen Bannon gegr\u00fcndete Firma \u201eCambridge Analytica\u201c mittels einer Facebook-App pers\u00f6nliche Daten von ca. 50 Millionen Facebook-Nutzern abgegriffen, um sie im US-Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf 2016 zu verwenden. Um an m\u00f6glichst viele Informationen zu kommen, tarnte sich die Spionage-App mit dem vielsagenden Namen \u201ethisisyourdigitallife\u201c als psychologischer Pers\u00f6nlichkeitstest. 270.000 Facebook-Nutzer fielen auf die App herein und er\u00f6ffneten damit nicht nur den Zugang zu ihren eigenen Facebook-Profilen, sondern dar\u00fcber hinaus auch zu den Profilen ihrer im Durchschnitt jeweils 190 Facebook-\u201eFreunde\u201c. So ergibt sich die in den Medien genannte Zahl von 50 Millionen Betroffenen.<\/p>\n<p>Nach Aussage von Facebook widersprach das weitr\u00e4umige Abernten (\u201eHarvesting\u201c) der Facebook-Profile den internen Richtlinien des Unternehmens. Umso mehr \u00fcberrascht die Mitteilung, dass Facebook die Gesch\u00e4ftsbeziehungen zu Cambridge Analytica erst jetzt abgebrochen hat, nach dem \u00f6ffentlichen Bekanntwerden der Praktiken. Dabei war dem Unternehmen der Missbrauch bereits seit langem bekannt, wurde aber vor der \u00d6ffentlichkeit und den betroffenen Nutzerinnen und Nutzern geheim gehalten.<\/p>\n<p>Bei genauerem Hinsehen zeigt sich indes, dass Cambridge Analytica mit seinen Praktiken nicht allein stehen d\u00fcrfte. Im Grunde geht es auch hier um \u201eMicro-Targeting\u201c, das in der Wirtschaft schon seit l\u00e4ngerer Zeit, und zunehmend auch im Politik-Business zum Einsatz kommt. Man will die Hintergr\u00fcnde potentieller Kunden m\u00f6glichst gut kennen, um sie gezielt anzusprechen. Jeder Nutzer erh\u00e4lt die zu seinem pers\u00f6nlichen Profil passenden Werbebotschaften, die vielfach nicht einmal als solche zu erkennen sind.<\/p>\n<p>Auch W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler werden zunehmend als Kunden angesehen und genauso behandelt. Von besonderem Interesse sind dabei diejenigen, die sich noch nicht endg\u00fcltig f\u00fcr einen Kandidaten oder eine Partei entschieden haben. So werden etwa einem ehemaligen Stahlarbeiter im US \u201eRust Belt\u201c andere Nachrichten vermittelt als dem wohlhabenden Rentnerehepaar in Florida. Die Angesprochenen merken nichts davon, dass ihnen ma\u00dfgeschneiderte Botschaften \u00fcbermittelt werden, die an ihren Meinungs\u00e4u\u00dferungen, ihrer pers\u00f6nlichen Lebenssituation oder an ihren heimlichen W\u00fcnschen und \u00c4ngsten ankn\u00fcpfen. Intransparenz ist das A &amp; O jeder erfolgreichen Manipulation.<\/p>\n<p>Vieles im Internet l\u00e4uft im Hintergrund ab, etwa die Einbindung von Diensten, die die \u201eReichweite\u201c der Angebote messen oder die Speicherung der \u201etechnischen\u201c Daten, die bei jeder Interaktion &#8211; auch beim blo\u00dfen Lesen &#8211; anfallen: IP-Adressen der verwendeten Rechner, Hard- und Software, Sprach- und Landeseinstellungen, Standortdaten. Die Profilbildung \u00fcber den Nutzer geschieht im Hintergrund, ohne dass dieser darauf viel Einfluss nehmen kann. Soziale Netzwerke wie Facebook bieten die idealen Datenfelder, die f\u00fcr Micro-Targeting abgeerntet werden. Die Betreiber der Dienste erfahren auf diese Weise sehr viel mehr \u00fcber die Nutzer, als diese bewusst preisgeben. Sie kennen nicht nur deren Identit\u00e4t, sondern auch deren Gewohnheiten und Aufenthaltsorte: Wann sie Online sind, von welchen Computern und wo sie ins Netz gehen. Sie wissen nicht nur um die vom Nutzer eingegebenen Vorlieben, sondern k\u00f6nnen auch aus dem Verhalten der \u201eFreunde\u201c Schl\u00fcsse auf ihn ziehen. So haben Studien ergeben, dass das Geschlecht, die ethnische Zugeh\u00f6rigkeit, die sexuelle Orientierung und die religi\u00f6se Ausrichtung eines Facebook-Mitglieds mit einiger Sicherheit allein auf Grund seiner \u201eLikes\u201c und seines Freundeskreises eingesch\u00e4tzt werden kann, selbst wenn der Betroffene dar\u00fcber selbst keine Angaben ins Netz stellt. Nicht nur amerikanische Politiker setzen verst\u00e4rkt darauf, dass ihre Botschaften von m\u00f6glichst vielen Nutzern geteilt, favorisiert, weitergeleitet oder kommentiert werden. \u201eMaking the community spreading the message for you\u201c beschrieb eine Facebook-Vertreterin schon vor einigen Jahren dieses Vorgehen, das von den Werbern auch \u201evirales Marketing\u201c genannt wird. Der W\u00e4hler m\u00fcsse das Gef\u00fchl haben, in die Diskussion einbezogen zu werden. Dass es sich dabei nicht um einen gleichberechtigten Dialog handelt, in dem der Wahlk\u00e4mpfer mit dem potentiellen W\u00e4hler spricht, liegt auf der Hand.<\/p>\n<p>Das Gesch\u00e4ftsmodell von Facebook &amp; Co basiert ganz wesentlich darauf, Unternehmen, Wahlk\u00e4mpfern und Regierungen gegen Entgelt an ihrem Wissen partizipieren zu lassen. Vielfach geschieht dies, ohne dass dabei die Identit\u00e4tsdaten der Facebook-Mitglieder weitergegeben werden. Aber die entsprechenden Werbebotschaften werden gleichwohl ma\u00dfgeschneidert ausgeliefert und den Auftraggebern ein genaues Feedback dar\u00fcber gegeben, wie die Botschaften aufgenommen wurden.<\/p>\n<p>Im konkreten Fall scheint die Cambridge Analytica App aber auch die Profildaten der Facebook-Nutzer ausgelesen zu haben, was dem Micro-Targeting weitere M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnet. Erleichtert wird die Datenzusammenf\u00fchrung durch die \u201eRealnamenspflicht\u201c. Nach den Facebook-Richtlinien m\u00fcssen sich s\u00e4mtliche Nutzer unter ihrem echten Namen anmelden und dabei auch ihr Geburtsdatum preisgeben. Diese Identit\u00e4tsdaten erm\u00f6glichen es, die aus dem Facebook-Profil gewonnenen Informationen mit Daten aus der \u201erealen Welt\u201c zu verkn\u00fcpfen. Derartige Daten sind in den USA noch sehr viel umfangreicher verf\u00fcgbar als in Europa, weil es in den USA an klaren Datenschutzregeln f\u00fcr den Umgang mit personenbezogenen Daten durch Unternehmen mangelt. Zudem er\u00f6ffnen die W\u00e4hlerverzeichnisse \u2013 anders als etwa in Deutschland \u2013 Einblicke in die individuellen politischen Pr\u00e4ferenzen.<\/p>\n<p>Es geht hier um weitaus mehr als um die Aufkl\u00e4rung des aktuellen \u201eCambridge-Facebook-Skandals\u201c. Vielmehr m\u00fcssen wir dar\u00fcber diskutieren, wie viel Datenmacht akzeptabel ist, wie digitale Gesch\u00e4ftsmodelle gestaltet werden und wie dem Datenmachtmissbrauch vorgebeugt werden kann. Umfangreiche Datensammlungen und Mikro-Targeting er\u00f6ffnen Manipulationsm\u00f6glichkeiten und k\u00f6nnen Ungleichbehandlung und diskriminierende Praktiken verst\u00e4rken. Der zunehmenden Transparenz des Einzelnen steht eine wachsende Intransparenz der Algorithmen und der im Hintergrund agierenden Interessen gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Es geht um mehr als den Schutz der pers\u00f6nlichen Daten und die Wahrung der Privatsph\u00e4re. So wichtig die \u201ePrivatsph\u00e4reneinstellungen\u201c sein m\u00f6gen, halte ich es f\u00fcr den falschen Weg, den Nutzern die Hauptverantwortung f\u00fcr den Ge- und Missbrauch ihrer Daten zuzuweisen. Zum einen sind die Voreinstellungen, die der Dienst seinen Nutzern bei der Kontoer\u00f6ffnung vorgibt, sehr freiz\u00fcgig: Jeder kann das Profil sehen, alle k\u00f6nnen nach der E-Mail-Adresse und der Telefonnummer suchen, Freundeslisten sind \u00f6ffentlich, Apps sind aktiviert und k\u00f6nnen die Profildaten einschlie\u00dflich der Daten \u00fcber Aktivit\u00e4ten und Interessen auslesen. Zugriff haben nicht nur die Apps, die der Nutzer selbst aktiviert, sondern auch solche, die von Freunden verwendet werden. Zum anderen sind diese Einstellungen nicht leicht zu handhaben. Schlie\u00dflich sind die wichtigsten Profildaten (Namen, Geschlecht, Nutzernamen und die Nutzer-ID und Netzwerke, denen der Nutzer angeh\u00f6rt) bei Facebook stets \u00f6ffentlich, ohne dass die Nutzer etwas daran \u00e4ndern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Datenschutz ist ein wichtiges Element der notwendigen Gegenstrategie. Hier ist zu erwarten, dass die am 25. Mai 2018 voll wirksam werdende Datenschutz-Grundverordnung Fortschritte bringt.<br \/>\nRechtliche Grenzen sind aber auch dar\u00fcber hinaus erforderlich, etwa im Hinblick auf den immer weitergehenden Einsatz von Micro-Targeting und auch zur Vermeidung digitaler Diskriminierung.<\/p>\n<p>Ihr Peter Schaar<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Medien und Politiker sprechen von einem &bdquo;Daten-Skandal&ldquo; und verlangen Antworten von Facebook und von Cambridge Analytica. 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