{"id":119,"date":"2015-07-23T08:50:36","date_gmt":"2015-07-23T08:50:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.eaid-berlin.de\/?p=726"},"modified":"2015-07-23T08:50:36","modified_gmt":"2015-07-23T08:50:36","slug":"datenschutz-ist-mir-doch-egal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kai-wittenburg.de\/?p=119","title":{"rendered":"Datenschutz? Ist mir doch egal!"},"content":{"rendered":"<p>(Bei diesem Text handelt es sich um die Langfassung eines Gastbeitrags, der im Juli 2015 in verschiedenen deutschen Zeitungen erschienen ist)<\/p>\n<p>Obwohl wir heute jeden Tag ungeheure Mengen digitaler Daten produzieren, reagieren die meisten Menschen auf die damit einhergehenden Gefahren eher gleichg\u00fcltig. Eine Mischung aus\u00a0 Verdr\u00e4ngung und Resignation. Datenschutz? Darum sollen sich doch die Datenschutzbeh\u00f6rden k\u00fcmmern, die werden schlie\u00dflich daf\u00fcr bezahlt! Und immer noch h\u00f6ren wir den dummen Satz:\u00a0 \u201eIch habe doch nichts zu verbergen!\u201c<\/p>\n<p>Fast t\u00e4glich lesen wir Berichte \u00fcber gestohlene Daten, Cyberangriffe und Datenschutzverletzungen. Facebook \u00e4ndert seine Nutzungsbedingungen und schaut uns laufend\u00a0 beim Surfen \u00fcber die Schulter? Na wenn schon! Die NSA liest unsere E-Mails mit? Der amerikanische Geheimdienst interessiert sich doch nicht f\u00fcr mich! Vorratsdatenspeicherung? Davor haben doch nur Kriminelle und Terroristen Angst!<\/p>\n<p>Es ist zu bef\u00fcrchten, dass wir unsere Ignoranz teuer bezahlen m\u00fcssen. Viele werden sich demn\u00e4chst Vorw\u00fcrfe machen, warum sie sich nicht rechtzeitig um ihren digitalen Schatten gek\u00fcmmert haben. Gefahren drohen nicht nur von Kriminellen und Cyberterroristen. Schmerzhaft wird es auch dann, wenn wenn ich sehr viel mehr Zinsen zahlen muss als die Nachbarin, obwohl ich doch bisher alle Kredite zur\u00fcckgezahlt habe. Oder wenn ich die beantragte Versicherung nicht bekomme oder wenn mir die Auszahlung der Versicherungssumme unter Hinweis auf widerspr\u00fcchliche Daten verweigert wird. Allgegenw\u00e4rtige Datenverarbeitung hei\u00dft zugleich auch umfassende, permanente Beobachtung &#8211; ohne Vergessen und Vergeben.<\/p>\n<p>Vieles von dem, was mit unseren Daten geschieht, spielt sich hinter unserem R\u00fccken ab. die Datensammler sind l\u00e4ngst in unseren Alltag eingesickert, ohne dass wir dies bemerkt haben. Fast jeder rechnet heute damit, dass jede\u00a0 Aktivit\u00e4t im Internet Spuren hinterl\u00e4sst und vielen ist bewusst, dass das Smartphone unseren Aufenthaltsort ausplaudert. Aber dass unser Auto\u00a0 immer mehr Daten sammelt\u00a0 und die so gewonnenen Informationen \u00fcber unseren Fahrstil demn\u00e4chst an die Versicherung weiterleitet, ist weniger bekannt. Und an die Videokameras an allen m\u00f6glichen und unm\u00f6glichen Orten haben wir uns fast gew\u00f6hnt. Dass die \u00dcberwachungssysteme allerdings\u00a0 zunehmend die aufgenommenen Bilder auswerten und Personen anhand ihres Gesichts identifizieren k\u00f6nnen, wissen die wenigsten. \u00dcberwachung bestimmt immer gr\u00f6\u00dfere Teil unseres Alltags, im B\u00fcro, auf der Stra\u00dfe und auch im h\u00e4uslichen Wohnzimmer per Smart TV.<\/p>\n<p>Andererseits m\u00f6chten die Wenigsten auf die Bequemlichkeiten verzichten, die es ohne Technik nicht geben w\u00fcrde: Computerspiele, Internet, Navigationssysteme, elektronisches Bestellen und Bezahlen, um nur einige Beispiele zu nennen. Und die Gesch\u00e4ftsmodelle von Google, Facebook &amp; Co. haben uns daran gew\u00f6hnt, dass wir selbst f\u00fcr hochwertige Leistungen und Informationen kein Geld zahlen m\u00fcssen. Aber auch im Internet gilt der Satz: Nichts ist umsonst! Selbstverst\u00e4ndlich bezahlen wir f\u00fcr die \u201ekostenlosen\u201c Dienste \u2013 aber die W\u00e4hrung sind unsere Daten. Im Unterschied zu den Fr\u00fchst\u00fccksbr\u00f6tchen, die wir beim B\u00e4cker kaufen, k\u00f6nnen wir den wirklichen Preis nicht absch\u00e4tzen, den wir f\u00fcr viele elektronische Dienstleistungen bezahlen.<\/p>\n<p>Wie teuer die elektronischen Dienste\u00a0 in Wirklichkeit sind, merken zun\u00e4chst diejenigen, die kreativ sind und die Informationen produzieren. Die Erl\u00f6se der elektronischen Verbreitung landen zum gr\u00f6\u00dften Teil bei den\u00a0 Betreibern von Internet-Plattformen und Suchmaschinen und nicht bei den Journalisten, Musikern und K\u00fcnstlern. Aber auch die Nutzer werden zunehmend zur Finanzierung herangezogen, indem sie umfassend in ihrem Verhalten, ihren Interessen und pers\u00f6nlichen Eigenschaften registriert und laufend bewertet werden. Die so gewonnenen Pers\u00f6nlichkeitsprofile sind nicht nur die Grundlage f\u00fcr ma\u00dfgeschneiderte Werbebotschaften sondern zunehmend auch f\u00fcr allt\u00e4gliche Entscheidungen, etwa dar\u00fcber, wer wie lange in einer telefonischen Warteschleife zu verharren hat oder wer einen Mietvertrag bekommt.<\/p>\n<p>Es stimmt schon: Big Data schafft neue Erkenntnisgrundlagen, aber die Kenntnisse sind ungleich verteilt. Die meisten datengetriebenen Gesch\u00e4ftsmodelle gleichen einem venezianischen Spiegel,\u00a0 der nur einseitig durchsichtig ist. Die gro\u00dfen privatwirtschaftlichen und staatlichen Datensammler wissen alles \u00fcber die Nutzer, aber sie h\u00fcten Ihre Datenschatz wie einen Augapfel. Wer von ihnen, die doch alles \u00fcber uns wissen wollen und vieles erfahren, umfassende Transparenz fordert, dem werden allzu h\u00e4ufig Staats- und Gesch\u00e4ftsgeheimnisse entgegenhalten.<\/p>\n<p>Es stimmt schon: Der Weg in die digitale Gesellschaft ist unumkehrbar. Und trotzdem k\u00f6nnen wir\u00a0 darauf einwirken, wie unser Leben in 10 oder 20 Jahren aussehen wird. H\u00e4tte man vor 150 Jahren der Industrialisierung freien Lauf gelassen, g\u00e4be es bei uns immer noch Kinderarbeit und Arbeitsschutz w\u00e4re ein Fremdwort. Ohne den im 19. Jahrhundert begonnenen Kampf von Frauen g\u00e4be es bis heute kein Frauenwahlrecht. Nur durch das Engagement von B\u00fcrgerrechtlern ist in den 1960er Jahren in den USA die Rassentrennung gefallen. Und der Umweltschutz wird heute nur deshalb sehr viel ernster genommen, weil sich viele Menschen daf\u00fcr eingesetzt haben. Genau so m\u00fcssen wir uns f\u00fcr eine demokratische, menschenfreundliche Gestaltung der Informationsgesellschaft stark machen.<\/p>\n<p>Viele schrecken angesichts der Gr\u00f6\u00dfe der Aufgabe davor zur\u00fcck. Andererseits m\u00f6chte ich an den Satz des gro\u00dfen chinesischen Gelehrten Konfuzius erinnern: \u201eJede gro\u00dfe Reise beginnt mit einem kleinen Schritt\u201c: Privatsph\u00e4re ernst nehmen, nachfragen, technische Schutzm\u00f6glichkeiten nutzen &#8211; angesichts der Herausforderungen erscheint dies nicht viel. Aber selbst kleinste eigene Schritte tragen zu dem notwendigen Stimmungs- und Meinungswandel bei.<\/p>\n<p>Die Informationsgesellschaft ist kein virtueller Vergn\u00fcgungspark, sie ist aber auch nicht der Friedhof der Demokratie. Gleichg\u00fcltigkeit, Lethargie und Resignation sind das letzte, was wir brauchen. Auch die Informationsgesellschaft lebt von engagierten B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern, die sich auskennen und die sich einsetzen. Die neuen Informationstechnologien erleichtern es, sich b\u00fcrgerschaftlich zu vernetzen, unerw\u00fcnschte Informationen \u00f6ffentlich zu machen und Diskussionen anzusto\u00dfen. Deshalb w\u00e4re es auch nicht richtig, die Diskussion \u00fcber die digitale Zukunft wenigen Spezialisten zu \u00fcberlassen, Informatikern, Nerds oder &#8211; naja &#8211; auch den Datensch\u00fctzern. Vor allem aber\u00a0 d\u00fcrfen wir nicht dem Irrtum erliegen, der Weg in die \u00dcberwachungsgesellschaft sei ein unbeeinflussbares Schicksal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Bei diesem Text handelt es sich um die Langfassung eines Gastbeitrags, der im Juli 2015 in verschiedenen deutschen Zeitungen erschienen ist) Obwohl wir heute jeden Tag ungeheure Mengen digitaler Daten produzieren, reagieren die meisten Menschen auf die damit einhergehenden Gefahren eher gleichg&uuml;ltig. Eine Mischung aus&nbsp; Verdr&auml;ngung und Resignation. Datenschutz? 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